Clockwork Orange, gesehen am Schauspielhaus Bochum am .
Clockwork Orange am Schauspielhaus Bochum – viele Einfälle, wenig Zwang

© Armin Smailovic
Ich gehe mit einer gewissen Vorbelastung in jede neue Clockwork-Orange-Inszenierung: Ich kenne Roman, Film und Stück sehr gut, habe über die Jahre mehrere Bühnenfassungen gesehen und schätze den Stoff gerade deshalb, weil er sich einer einfachen moralischen Lesart hartnäckig verweigert. Umso mehr hatte ich mir von der Bochumer Inszenierung versprochen. Nach dem Abend blieb bei mir allerdings vor allem der Eindruck zurück, dass hier viele interessante Ideen vorhanden sind, aber nur wenige davon dramaturgisch wirklich zwingend werden.
Mein größtes Problem war die Länge. Nicht grundsätzlich: Ein langer Theaterabend darf lang sein. Er muss seine Dauer aber begründen. Wenn eine Inszenierung episch erzählt, Wiederholung als Prinzip benutzt oder bewusst in die Zumutung geht, kann Länge Erkenntnis erzeugen. Hier hatte ich diesen Eindruck kaum. Vieles wurde sehr breit und ausgiebig ausgespielt, ohne dass sich diese Dauer für mich in zusätzliche Bedeutung übersetzte. Der Abend dauert rund 2:15 Stunden und fühlte sich deutlich länger an. Vor allem der Teil vor Alex’ Therapie nimmt enorm viel Raum ein, während die Folgen der Konditionierung in ungefähr 40 Minuten abgehandelt werden. Diese Gewichtung überzeugt mich nicht.
Gerade dieser spätere Teil ist für die moralische Struktur des Stoffes entscheidend. Dort zeigt sich, was aus Alex geworden ist, nachdem ihm die Möglichkeit zur freien Entscheidung genommen wurde. Im Film wird diese Umkehr besonders deutlich dadurch, dass Alex Menschen aus seiner früheren Welt wiederbegegnet und ihnen nun schutzlos ausgeliefert ist. In Bochum wird diese Spiegelung stark reduziert. Im Wesentlichen bleibt die Konfrontation mit dem Schriftsteller, und selbst dessen Eskalation erfolgt erst in den letzten Minuten. Die Handlung bleibt verständlich, aber die Konsequenz von Alex’ Entmächtigung wird wesentlich weniger erfahrbar.
Hinzu kommt für mich ein Problem mit der Besetzung beziehungsweise der Regieführung der Titelfigur. Ich möchte Alexander Wertmann nach einer einzigen Rolle nicht pauschal beurteilen; dafür müsste ich ihn in anderen Arbeiten sehen. Als Alex hat er mich aber über weite Strecken nicht überzeugt. Mir fehlten Schärfe, Präsenz, Körperlichkeit und jene Mischung aus Charisma und Bedrohung, die die Figur im ersten Teil als gefährliches Zentrum des Abends braucht. Ausgerechnet Risto Kübar als Schriftsteller verfügt für mich über jene Wucht und physische Präsenz, die Alex gut gestanden hätte.
Es gibt allerdings Momente, in denen Wertmann sehr wohl funktioniert. Besonders stark fand ich die letzte Szene, in der Alex schockiert auf den Tod des Schriftstellers reagiert und ihm plötzlich Fürsorge und Verständnis entgegengebracht werden. Dort war seine Verletzlichkeit für mich glaubwürdig. Vielleicht liegt darin ein Teil des Problems: Wertmann überzeugt mich eher als irritierter, verletzter, reaktiver Alex denn als lustvoll gewalttätiger und bedrohlicher Alex des ersten Teils.
Auch die Ludovico-Behandlung funktionierte für mich überraschend gut. Ich hatte zeitweise tatsächlich Mitgefühl mit Alex und zugleich Wut auf seine „Heiler“. Hier gelingt die zentrale moralische Verschiebung des Stoffes: Ein Täter wird selbst zum Opfer eines Systems, das seine Gewalt mit Therapie, Ordnung und Heilung legitimiert. Das Problem ist, dass die Inszenierung diese Ambivalenz anschließend nicht konsequent genug weiterverfolgt.
Das zeigt sich besonders an Beethoven. Alex’ Beziehung zur Musik ist kein dekoratives Motiv, sondern wesentlich für seine Persönlichkeit. Dass er nach der Therapie Beethoven nicht mehr hören kann, bedeutet deshalb einen fundamentalen Verlust. Die Konditionierung nimmt ihm nicht nur die Fähigkeit zur Gewalt, sondern auch einen Teil seiner Lust, seiner Identität und seines inneren Lebens. In Bochum wird dieses Motiv zwar gesetzt, nach der Therapie aber überhaupt nicht mehr aufgegriffen. Es kommt schlicht nicht mehr vor. Eine wichtige Entwicklung der Figur fällt damit vollständig hintenüber.
Auch die gesellschaftlichen und politischen Ebenen bleiben für mich fragmentarisch. Staatliche Gewalt, institutionelle Gleichgültigkeit, Resozialisierung, Kontrolle und Anpassung sind erkennbar, aber nicht zu einer klaren Argumentation verbunden. Wer den Stoff kennt, kann diese Linien problemlos ergänzen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob jemand ohne Vorwissen ebenso deutlich erkennt, welche Fragen hier eigentlich verhandelt werden: Was darf ein Staat mit einem gewalttätigen Menschen tun? Ist moralisches Verhalten noch moralisch, wenn die Möglichkeit zur Entscheidung beseitigt wurde? Und was unterscheidet die Gewalt des Täters von der Gewalt eines Systems, das sie unter dem Etikett der Heilung ausübt? Die Inszenierung enthält all diese Motive, organisiert sie für mich aber zu selten zu einer zwingenden Gedankenbewegung.
Dabei gibt es Regieideen, die hervorragend funktionieren. Besonders prägnant fand ich die Szenen mit Alex’ Erzieher und später dem verhörenden Polizisten im gleichen Setting. Alex sitzt am Boden und antwortet lakonisch, während der jeweilige Vertreter staatlicher Autorität an einem Tisch sitzt, isst, schmatzt, schlürft und rülpst. Das ist mehr als ein komischer Einfall. Die Szene erzeugt ein starkes Bild institutioneller Gleichgültigkeit: Der Staat behauptet Ernsthaftigkeit und Autorität, seine Vertreter agieren jedoch banal, abgestumpft und körperlich beinahe ordinär. Alex wiederum begegnet dieser Autorität mit demonstrativer Lakonie.

© Armin Smailovic
Ähnlich gelungen fand ich die Rollschuh-Choreografie. Während sich die staatlichen Figuren steif und ungelenk um Alex bewegen, gleitet er weich und elegant zwischen ihnen hindurch. Für mich ist das keine dekorative Verspieltheit, sondern eine klare Bewegungsmetapher: Alex laviert sich durch die gesellschaftlichen Strukturen, während deren Vertreter in ihrer eigenen Starrheit gefangen bleiben.
Auch die Entscheidung, Alex’ Eltern nicht körperlich auf der Bühne erscheinen zu lassen, fand ich interessant. Sie treten nur kurz aus dem Off auf: die Mutter überfürsorglich und verständnisvoll, der Vater hilflos und patriarchal. Beide Stimmen werden von derselben Darstellerin gesprochen. Zusammen mit ihrer Unsichtbarkeit entsteht dadurch eine merkwürdige, aber produktive Leerstelle von Familie und Zugehörigkeit. Mutter und Vater werden weniger zu Personen als zu unterschiedlichen defizitären Formen von Elternschaft.
Überhaupt war für mich nicht die Verteilung des Nadsat auf das Ensemble problematisch. Im Gegenteil: Dass diese Sprache von mehreren Figuren gesprochen wird, erzeugt das Bild einer Gesellschaft, in der dieser Soziolekt selbstverständlich geworden ist. Das eigentliche Problem liegt für mich nicht in der Chorform, sondern darin, dass Alex selbst sich trotz aller dramaturgischen Zentralität nicht stark genug behauptet.
Am Ende bleibt deshalb eine eigentümliche Bilanz. Die Bochumer Inszenierung ist keineswegs ideenlos. Sie besitzt viele interessante Bilder, Verschiebungen und Einfälle. Aber sie entscheidet zu selten, welche davon wirklich notwendig sind. Vieles wird zu lange ausgespielt, anderes nicht konsequent weitergeführt, wieder anderes bleibt als Motiv stehen, ohne später noch eine Funktion zu bekommen. Deshalb würde ich sagen: Diese Inszenierung ist nicht ideenarm, sondern auswahlarm.
Eine Straffung hätte dem Abend aus meiner Sicht erheblich geholfen. Als 90-minütige oder maximal zweistündige Fassung hätte dieses Konzept vermutlich deutlich mehr getragen. Nicht vollständig – dafür bleiben die Probleme mit Alex, der Gewichtung und der fehlenden Schärfe zu groß –, aber die vorhandenen Stärken hätten mehr Gelegenheit bekommen, tatsächlich zu wirken.
Der Schluss wiederum gehört für mich zu den überzeugenderen Momenten. Alex beginnt als skrupelloser Gewalttäter, leidet später selbst als Objekt einer experimentellen Therapie und endet schließlich als vermeintlich bemitleidenswertes Opfer eines anderen Gewalttäters – den der frühere Alex überhaupt erst dazu gemacht hat. Diese Ambivalenz passt. Alex wird bemitleidenswert, aber nie unschuldig. Gerade darin liegt eine der großen Stärken des Stoffes.
Ich bin froh, die Bochumer Fassung gesehen zu haben. Als jemand, der Theater und Clockwork Orange sehr mag, ist auch eine nicht überzeugende Inszenierung interessant, wenn sie neue Perspektiven eröffnet oder einzelne starke Bilder findet. Das tut Bochum durchaus. Insgesamt blieb für mich jedoch ein Abend, der zu lang, zu wenig zugespitzt und in seiner Titelfigur zu wenig bedrohlich war. Viele gute Ideen waren vorhanden. Zu wenige davon wurden wirklich zwingend.